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	<description>die sprachlosigkeit ist ein flüchtling</description>
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		<title>ich, ein mal, hier.</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jul 2011 23:20:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[georgien]]></category>
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		<description><![CDATA[Vor kurzem habe ich „autochton“ nachgeschlagen. Es wurde als ein Kriterium für das Zielpublikum eines Theaterstücks über Migranten genannt, neben „erwachsen“ und „weiß“. Kurz darauf hörte ich das Wort in einer – vielleicht der einzigen – alternativen Kneipe in Tbilisi, &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=125">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor kurzem habe ich „autochton“ nachgeschlagen. Es wurde als ein Kriterium für das Zielpublikum eines Theaterstücks über Migranten genannt, neben „erwachsen“ und „weiß“. Kurz darauf hörte ich das Wort in einer – vielleicht der einzigen – alternativen Kneipe in Tbilisi, zum  zweiten Mal in meinem Leben.</p>
<p>Vor kurzem war ich in Georgien. Davor war ich hier, wo in Theatern, Feuilletons und Gesprächsrunden, von allen Seiten um Integration und so debattiert wurde.</p>
<p>Etwas stört mich am Hype um die künstlerische Aufarbeitung dieses Themas. Migrantentheater, -literatur, -kunst, oder schon Postmigrantenselbige, auf jeden Fall nicht mehr multikulturell. Etwas entzieht sich mir, wie die Migrationsströme selbst. Wie lässt sich eine Büchse der Pandora öffnen, die ausdrücklich darauf hinweist, keine Schublade zu sein. Die Mechanismen der Erwartung sind komplex. Sie setzt eine Wahrheitssuche voraus, um die sie sich besser als alles andere selbst bringen kann. Alles wird in Formen gegossen, aber das Umfüllen in eine andere bedeutet keine substantielle Veränderung. Eine Form, die im Widerspruch mit sich selbst steht, bleibt trotzdem bestehen.<br />
Es wird eine absichtlich beispiellose Identität konstruiert, die sich selbst verleugnet – mit Erfolg. Die Inquisition und das Märtyrertum hat es bereits gegeben –  beides auch zur gleichen Zeit.<br />
Ein kollektives, traumatisiertes Selbstverständnis hat zu einer neuen, gemeinsamen Identitätsstiftung gefunden und die ist – entgegen aller Erwartungen – unverfänglicher, als man glauben mag.</p>
<p>Das Konzept Integrationsdebatte lässt alle Optionen offen. Sowohl die eigene Freisprechung von jeglichen Ressentiments – und damit eine Abkehr von einer historischen Kontinuität, als auch eine Anklage anderer, in dieser Kontinuität zu verharren. Vom betretenen: „Wir waren rassistisch“, über das distanzierte: „die sind rassistisch“ sind wir zum gesellschaftsfähigen: „Wir sind rassistisch“ gekommen und trauen uns nicht zu sagen: Ich bin rassistisch. Ich war, bin und werde es immer sein, egal wie sehr ich durch Selbstzensur und Gesellschaftskritik davon ablenke. Eigentlich hätte hier alles in erster Person Singular stehen müssen, denn es geht doch um nichts anderes, als um mich, immer nur mich alleine: ich, ein Mal, hier.</p>
<p>Und das Argument, man solle andere einfach glauben lassen, was sie wollen, zieht nicht. Alleine die Formulierung negiert sich selbst. Ich glaube doch auch nicht einfach nur, was ich will. So einfach lassen sich nicht Verbindungen herstellen. Kein Kontext ist linear.<br />
Das Spiel, das von Grenzen lebt – und seien es nur fiktive – wird sie nie überschreiten. Man kann in die Hand, die einen füttert beißen – und hat es im Grunde sogar gerne, sei es aus Wunsch nach Erlösung, Masochismus, Wut, oder Hunger – aber man wird den Wirt nicht  auslöschen.</p>
<p>Vor kurzem habe ich mit meiner Seele gelächelt. Ich breitete meine Arme langsam auseinander und führte sie wieder langsam zusammen, als der Qi-Gong Lehrer mich kontrollierend, mir den Ratschlag gab, meine Arme – und damit mich &#8211; nicht so weit zu öffnen, da ich mich dadurch selbst öffne und verletzlicher mache.</p>
<p>In der Nacht meiner Landung in Tbilisi ist die Prachtstraße der Stadt abgesprerrt. Die Parade für den Tag der Unabhängigkeit wird geprobt. Hunderte junger Männer in Armeeuniform sehen sich selbst zum verwechseln ähnlich. Sie marschieren in durch Lautsprecher angewiesenen Formationen, die Gewehre im Anschlag, im Gleichschritt. Sie bleiben stehen, warten, rufen einander etwas zu, lachen, zertreuen sich und drängen auf die Gehsteige, rauchen, mustern ihre eigenen Beobachter. In wenigen Tagen werden sie zeigen, wie die Bereitschaft aussieht, sein Land zu verteidigen.</p>
<p>Mir wird von einer politischen Kundgebung erzählt, der niemand so recht Glauben schenkt. Politiker werden unter Misstrauen mit Kosenamen besprochen. Dem Patriarchen dafür scheinen alle zu vertrauen. Vor etwa einem Jahr hat er Bier für ein tischwertes Getränk erklärt – nun darf man es auch neben Wein und Schnaps nach ausgiebigen Trinksprüchen exen.</p>
<p>Wir fahren im Taxi über dürftige Straßen, die durch die Steppenlandschaft nahe der Grenze zu Aserbaidschan führt. Der Taxifahrer Temur hat mir versprochen, mich zu fahren, wo immer ich hin will und das günstiger als alle anderen. Er hat sich dabei verrechnet. Früher hat ihm ein Warenhaus auf der Prachtstraße der Hauptstadt gehört. Er nennt mir den Preis, zu dem das Gebäude verkauft wurde. Er sagt, dass Araber die guten georgischen Lämmer aufkaufen. Azeris, Armenier, alle würden hier leben. Die Armenier seien schon gewitzt. Unter den Armeniern leben keine Juden, die würden selbst betrügen, das ginge dann nicht. In den eigenen Korb werfe man keine Bälle. Wie die deutsche Regierung den Bau von Moscheen zulassen könne, fragt er, mit aufrichtiger Verwunderung.</p>
<p>Von unten und von oben habe ich Klöster gesehen, Hölen, Klöster in Hölen, Stufen in Felsen, Mauern auf Felsen und dort Mönche und Nonnen, unter den Felsen, in den Einbuchtungen, ihre schwarze Wäsche, ihre klobigen Handys, ihre großen Autos. In David Gareji, erklärt uns ein Mann, wurden im 16. oder 18. Jahrhundert – er wisse es nicht mehr so genau – eintausend Mönche von den Muselmanen abgemetzelt. Die Wandbilder in den offen stehenden Höhlen erinnern daran. Oben auf dem Berg, über der Steppe, an der Raubvögel entlanggleiten, stehen zwei Soldaten mit Maschinengewehren und bewachen die Grenze.</p>
<p>Ich bin die Altstadt auf und abgelaufen. Ich habe nicht durchschaut, wie es sich mit einem Zentrum verhält, ich habe keinen einzigen Straßennamen gesehen und konnte mir keinen Kirchennamen merken. Ich war auf allen Hügeln und schaute auf die Stadt, die Kamera hat es bezeugt. Auf dem  umdichteten Mtazminda, dem heiligen Hügel, die Teenagerpärchen am Wegesrand verschreckend, stand ich über dem Grab von Stalins Mutter, unter der Seilbahn, wo kurz zuvor Jungen um die Wette gespuckt hatten, mit einem zum Wachmann abgestuften Offizier und Schullehrer. Wir schauten auf die Anhäufung von Kanten der Häuser und Spitzen der Kirchen, auf die Berge ringsum, die eine unüberwindbare Ferne andeuteten. Der Anblick hinterließ bei mir nicht den gewünschten Effekt georgischer Dichter. Ich spürte weder sonderliche Erhabenheit, noch Trost. Stattdessen vertröstete ich meine Erwartungen damit, dass die Erhabenheit woanders liegen muss.</p>
<p>Schwer zu verstehen, ich kenne diesen Ort von woanders. Die repräsentativen Gebäude, die kleinen Läden im Keller, mit Kartoffeln, Haushaltswaren und Kühltruhen, deren Inhalt nicht genug friert, die buckligen Frauen mit gerösteten Sonnenblumenkernen und Popcorn, mit Kreuzen und Votivkerzen, die Arbeiter an Fenstern, aus denen Teigtaschen gereicht werden, die Märkte mit Fisch neben Käse neben Früchten neben Gewürzen neben Keksen neben. Das alles ist schon so alt, wie das Land, das es nicht gibt.  Es ist mir nicht fremd, aber unbekannt.</p>
<p>Die Älteren sprechen russisch mit mir, gerne. Wie ich hieße, wie alt ich sei, verheiratet, warum nicht. Am dritten Tag bin ich es schon, ich habe nur noch nicht entschieden, mit wem genau. Ich lerne nicht zu warten, bis ich an der Reihe bin, weil es hier genauso unwahrscheinlich ist, wie eine Verkehrsstraße frei von Autos zu überqueren.<br />
Wir Gäste hüten uns nicht davor, Allgemeinaussagen zu treffen und unterstützen uns dabei gegenseitig. Die Georgier sind und die Gesellschaft ist und hier, hören und sagen wir. Gastfreundlich, bestätigen die Georgier und empfangen uns mit weit ausgebreiteten Armen. Der Versuch, es zu beschreiben, ist nur die Verallgemeinerung, von der unser Austausch lebt. Und es ist daneben, obschon wir manchmal glaubem, es träfe zu – und ins Herz. Wie wir annehmen, dass Poesie ins Herz trifft, weil wir lieben.<br />
Wie wir annehmen, dass Gastfreundschaft Verständnis und Verständnis Liebe bedeutet und wie wir annehmen, dass uns das verbindet. Aber in der Fremde lässt sich kein Zuhause finden, weil die Fremde selbst unverortbar ist. Das Eigentümliche ist nicht die Gastfreundschaft und schon gar nicht die Lebenseinstellung. Weil Gäste immer fremd bleiben und Offenheit nicht davon abhängt, wie weit man seine Arme öffnet. Weil das Weil – die Begründung – immer knapp daneben liegt.</p>
<p>Wir haben eine gemeinsame Sprache. Unter anderen. Und ich spüre, dass sie nicht ausreicht, um meine Gesprächspartner zu verstehen.<br />
Es bleibt etwas ungesagt, oder wird sogar verschwiegen, als würde man hier ein Geheimnis hüten, das verraten Landesverrat wäre, an Jahrhunderten von Glauben, vielleicht den Glauben selbst, oder wie dieser geht. Dieser Glauben muss nicht nur nicht, er will nicht verstanden werden. Nicht, was gesehen wird finde ich hier, sondern wie es gesehen werden möchte. Und das Gesagte klingt, wie es gehört werden will. Schlecht nur, wenn man es gewohnt ist, seinen Ohren nicht trauen zu können.</p>
<p>Ich habe mir vorgenommen, aufzuhören über Grenzen nachzudenken. Dafür muss ich aufhören, verstehen zu wollen. Und zum ersten Mal bewusst – nachdem mir das von den Älteren hier so häufig gesagt wurde und anstatt, wie sonst, dieses monströse Konstrukt zu bedauern – bedauere ich ein bisschen,  dass wir nicht mehr in einem Land leben.</p>
<p>Vor kurzem war ich in Georgien. Ich bin wieder nicht zurück gekommen.</p>
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		<title>Anna Jablonskaja &#8211; Von Prometheus und Buchenwald</title>
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		<pubDate>Wed, 25 May 2011 23:53:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Prometheus und Buchenwald Anna Jablonskaja Wir werden immer zur falschen Zeit geboren, unter Qualen und ohne ersichtlichen Grund. Nichts lernen wir aus der Erfahrung, die über Generationen angesammelt wurde. Dass wir jahrhundertealte Erinnerung mit der Muttermilch aufsaugen, ist ein &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=115">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;"><strong>Von Prometheus und Buchenwald</strong></div>
<p></p>
<div style="text-align: left;">Anna Jablonskaja</div>
<div style="text-align: left;"></div>
<div style="text-align: left;">Wir werden immer zur falschen Zeit geboren, unter Qualen und ohne ersichtlichen Grund.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Nichts lernen wir aus der Erfahrung, die über Generationen angesammelt wurde.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Dass wir jahrhundertealte Erinnerung mit der Muttermilch aufsaugen, ist ein Hirngespinst. Nichts anderes saugen wir auf, als Kalzium und Zärtlichkeit.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Wir sind nackt und haben nichts.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Wie die Höhlenmenschen müssen wir selbst den Stock in die Hände nehmen, den Stein wetzen, das Feuer entfachen. Kein Prometheus wird das für uns machen. Prometheus hat eine Menge anderer Sorgen. Prometheus füttert den Adler mit Leber. Im Laufe der Jahrtausende hat er sich mit dem schwarzschnäbligen Vogel angefreundet, der – wenn er nicht gerade Leber frisst – den Buddha auf seinen Flügeln trägt. Prometheus und Buddha bitten den Adler ständig darum, vorsichtig zu sein. Trotz des Roten Buches und und des Schießverbots auf Raubvögel ist das Fliegen gefährlich geworden. Und dann sind da noch die Stomleitungen&#8230;</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Nun denn.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Alles müssen wir selbst machen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Es stimmt nicht, dass das Fahrrad bereits erfunden worden ist. In Wirklichkeit besteht der Sinn des Lebens gerade darin, sein eigenes Fahrrad zu erfinden – und wenn es auch nur ein Dreirad ist. Und sollte es dann gelungen sein, ein paar Runden damit gedreht zu haben, kann man sich glücklich schätzen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Es ist leichter, wenn einem etwas fehlt. Das bedeutet, dass man danach streben muss. Wenn es an nichts fehlt, ist unklar, wie man leben soll.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Dumme Zeiten.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Man darf alles sagen, was man will. Fast alles. Man darf überall hin, wo man will. Und das bei völliger Orientierungslosigkeit. Es darf alles gelesen werden. Schade.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Schade, dass mir keiner das verbotene Buch von N. für eine Nacht geben wird, für 5 Rubel, nachdem ich schwören musste, keine Kopien davon zu machen, und wenn doch – dann für 10 Rubel. Ich kann in einen Buchladen gehen, in eine Bücherei, ins Internet und alles, was ich will lesen. Aber ich will nichts lesen. Weil alles, was dort geschrieben steht, überhaupt keinen Bezug zu mir hat.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ich lebe auf einer Insel. Und ich bin rastlos. Jeder Odysseus, der was auf sich hält, ist dazu verpflichtet, irgendwann einmal Richtung Ithaka in See zu stechen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Was habe ich von der Karte in meinen Händen, wenn mir der Maßstab unbekannt ist. Außerdem weiß ich nicht, wie man einen Kompass bedient, wie man in den Himmel schaut, wo das Kreuz des Südens und wo der Kleine Bär ist.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ich muss die Sternbilder von Neuem entdecken und bennenen. Alles muss ich von Neuem machen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Es wird gesagt: der Mensch ist zum Mond geflogen. Welcher Mensch? Wer ist geflogen? Niemand ist geflogen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ein Mensch &#8211; das bin ich. Und ich erkläre mit absoluter Gewissheit, dass ich nirgendwohin geflogen bin. Ich weiß nicht einmal, wozu es überhaupt einen Mond gibt und was Flut und Ebbe damit zu tun haben. Erzählt mir keine Märchen. Die Erfahrung irgend eines Neil Armstrong, der angeblich auf der Oberfläche des Mondes spazieren gegangen sein soll, sagt mir gar nichts. Ich war nicht einmal auf dem benachbarten Kontinent. Erzählt mir nicht, dass auch dort Menschen leben. So blöd bin ich nicht, dass ich dem Ferseher glaube. Erst recht, weil ich keine Ahnung habe, wie er funktioniert.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Das Studieren von Altersfalten ist genauso, wie der Versuch, die Sprache der Geschichte zu entschlüsseln – eine undankbare Beschäftigung. Die Chiffriermaschinen arbeiten einwandfrei. Jedes Mal ein neuer Code. Wir werden nicht dahinter kommen. Der Grund dafür ist, dass die Sprache der Geschichte nichts anderes ist, als wir selbst. Die Geschichte spricht durch uns. Wir selbst sind ihre Buchstaben, ihre Worte. Und insgesamt sind wir ein Manuskript, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu lesen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ich schaue in die Augen eines mit vorüber gehenden alten Mannes, der gleich Äpfeln, mit Orden behängt ist, die ihn zu Boden ziehen. Ich schaue auf den Bildschirm – Hiroshima wird gesprengt. Ich lese über die Schlacht von Stalingrad und sie kommt für mich der Schlacht auf dem Peipussee gleich. Und ich habe nach wie vor keine Ahnung von Krieg.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">So, als hätte es keinen gegeben.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Stundenlang schaut mein Liebster Dokumentaraufnahmen faschistischer Paraden in schwarz-weiß. Es gefällt ihm, wie der rechte Arm der Masse emporschnellt. Als ob diese Masse nur einen Arm hätte und nicht hunderte von Tausenden, nicht Millionen von rechten Armen. Ich denke nicht, dass ihm der Faschismus gefällt. Ihm gefällt diese planmäßige Ordnung, diese organisierte Begeisterung. So etwas kommt selten vor.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Unser linker Arm gegen ihren im Hitlergruß aufgeworfen rechten. Der linke besiegt den rechten. Ein paradoxes Armdrücken. Es scheint, dass das einzige im Leben gültige Gesetz das Gesetz des Paradoxons ist.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ich habe nichts gelernt, aus den Paraden, den Explosionen, von diesem alten Mann. Ich kannte mal einen. Er hat in einem Strafbataillon gedient. Ist bis Berlin gekommen. War in Buchenwald. „Die Öfen“, sagt er, „waren noch warm“. Und lächelt. Und zurecht. Was kann man da sagen? Kann ich das etwa begreifen?</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Als ich Erstsemestlerin war, war ich sehr knapp bei Kasse. Das Geld reichte gerade so für die Fahrt in einem zerbeulten Minibus mit der Nummer 127. Er fuhr mich zur Alma Mater. Ein Mal, fast an meiner Haltestelle angekommen, merkte ich, dass ich die Fahrt nicht bezahlen konnte. Der abgeriebene Geldbeutel aus Stoff war nicht In der Tasche aufzufinden. Ich durchwühlte die Tasche mehrmals unter dem löchrigen Innenfutter, leerte mir ihren gesamten Inhalt in den Schoß und brach mutlos in Tränen aus.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Vor mir lagen ein Stift, ein Kamm, ein Block, eine Audiokassette und ein Bonbon. Geld war nicht dabei. Die um mich herum stehenden Fahrgäste beobachteten schweigend, wie mein Gesicht tiefrot anlief. Und auf einmal näherte sich mir ein glatzköpfiger untersetzter alter Mann mit bunt gestreiften Abzeichen auf seiner Jacke, steckte mir eine Handvoll dunklen Kupfers zu und entfernte sich leise. Ich versuchte, ihm das Geld zurück zu geben, da es noch schlimmer war, Geld von einem Rentner im Bus zu nehmen, als dem Busfahrer alles zu erklären. Aber der Wohltäter verschwand in den Tiefen des Kleinbusses. Der Kriegsveterane wollte nicht diskutieren. Er tat einfach, was er tat.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ich erzähle von dieser Begebenheit deswegwn, weil alles, was nicht mit mir passiert ist, im Grunde genommen keine Bedeutung hat. Wie ich es auch nicht versuchen würde, mir den Krieg mithilfe von Filmen und Büchern vorzustellen, bedeuten für mich diese Treubrüche und diese Trauerfeiern, dieser Heldentum und diese großen Taten weniger, als jene Tat im Bus. Sie hat mir unmittelbar und sehr eindringlich die Vergangenheit vor Augen geführt. Ich habe gespürt, wie  ein halbes Jahrhundert zuvor die Soldaten der Sowjetrepublik waren, welche der Logik und allen Gesetzen des gesunden Menschenverstandes zufolge nicht hätten siegen können – und dann doch gesiegt haben.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Und nun ist mir klar, warum.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Der linke Arm weiß nicht, was der rechte tut.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Ist es nötig davon zu erzählen, wie ich einige Jahre nach dem Vorfall im Bus einen anderen Frontkämpfer voller Orden sah, zu dessen Füßen auf dem Gehsteig eine zerschlissene Mütze lag und der, den knochigen Körper kerzengerade aufgerichtet, es nicht wagte, den Vorbeigehenden ins Gesicht zu schauen?</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Der Sieg war billig. Er war geschenkt, bloß weil niemand es gewagt hatte einen angemessenen Preis zu nennen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Worüber soll man überhaupt schreiben, wenn man nicht einmal richtig gelebt hat?</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Gedankenfetzen – das ist alles, was ich auf diesem Papier, in dieser Minute, an diesem Tag hinterlassen kann. Ein bescheidenes Vermächtnis.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Das erste, was ein Mensch beim Einsteigen in den Bus mit der Fahrstrecke „Leben“ sieht, ist das Schild: „Zahlung der Fahrtkosten erfolgt beim Aussteigen“. Der Preis hängt davon ab, wo man aussteigt.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Zu viele Metaphern aus dem Verkehrswesen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Zu viel jugendliche Maßlosigkeit bei mäßiger Jugend.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Zu viel davon, was ein Tagebucheintrag, nicht jedoch Literatur genannt werden kann.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Und nun?</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Nun werde ich versuchen öfter in den Himmel zu schauen. Vielleicht wird es mir eines Tages gelingen den Adler zu sehen der an Prometheus&#8217; Leber pickt und auf seinem Rücken den Buddha trägt. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich weder an den einen, noch an den anderen.</div>
<div id="_mcePaste" style="text-align: left;">Aber an Adler glaube ich. Ich habe welche im Lehrbuch für Biologie gesehen.</p>
</div>
</div>
</div>
<div style="text-align: -webkit-auto;">
<div style="font-family: Georgia, 'Bitstream Charter', serif; color: #444444; line-height: 1.5;">(aus dem Russischen übersetzt)</div>
<div style="font-family: Georgia, 'Bitstream Charter', serif; color: #444444; line-height: 1.5;">Quelle: Nowaja Gazeta</p>
</div>
</div>
<div>Die junge Dramatikerin Anna Jablonskaja zählte zu den vielversprechendsten russischsprachigen Stimmen ihrer Generation. Am 24. Januar 2010, aus ihrer Heimatstadt Odessa in Moskau gelandet, um einen Literaturpreis entgegen zu nehmen, kam sie bei dem Anschlag auf Domodedovo ums Leben.</div>
<div>Sie hat unter anderem zahlreiche dramatische Texte mehrere Essays  - unter anderem diesen in der politisch unabhängigen Zeitung Nowaja Gazeta veröffentlichten &#8211; hinterlassen. In ihrem Blog hatte sie kurz vor ihrem Tod gepostet, sie habe das Gefühl, dass ihr nur wenig Zeit bliebe.</div>
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		<title>zu robert schindel</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Sep 2010 10:48:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[kurzer essay zu robert schindels Klugstädtchen, adorno und den weg der erinnerung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>kurzer essay zu<a href="http://culturmag.de/litmag/neuer-wort-schatz-30-robert-schindel/"> robert schindels <em>Klugstädtchen</em></a>, adorno und den weg der erinnerung.<a href="http://www.titel-magazin.de/artikel/37/7367.html"><br />
</a></p>
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		<title>zu uljana wolf</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Sep 2010 10:45:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[kurzer essay zu understand aus uljana wolfs aktuellem gedichtband falsche freunde]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>kurzer essay zu<a href="http://culturmag.de/litmag/neuer-wort-schatz-ii-9-uljana-wolf/"> <em>understand</em> aus uljana wolfs</a> aktuellem gedichtband <em>falsche freunde</em></p>
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		<title>kein anfang mehr</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Aug 2010 22:18:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<category><![CDATA[leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Zeit kann nur in Vergangenheitsform existieren. Die Gegenwart ist eine Gelichzeitigkeit, die Zukunft ein Wunsch nach Bestimmung.Im Judentum ist es untersagt, die Zukunft vorherzusagen. Wozu denn auch? Die einzige Zeit die uns bleibt, ist die Vergangenheit. Vergangenes kann nicht fixiert &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=28">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zeit kann nur in Vergangenheitsform existieren. Die Gegenwart ist eine Gelichzeitigkeit, die Zukunft ein Wunsch nach Bestimmung.Im Judentum ist es untersagt, die Zukunft vorherzusagen. Wozu denn auch? Die einzige Zeit die uns bleibt, ist die Vergangenheit. Vergangenes kann nicht fixiert werden, es lebt in &#8211; und von &#8211; der Erinnerung.</p>
<p>Wie eine Kiste alter Fotos wird Geschehenes gelegentlich ausgepackt, die Bilder immer wieder neu sortiert. Jedes Mal entsteht eine neue, improvisierte Variation eines verloren gegangenen Themas. Subjekte sind zu Objektivität nicht fähig. An das Vergangene kann nicht der Maßstab absoluter Wahrheit gelegt werden.</p>
<p>Meine Oma verstand sich auf die Variierung des Vergangenen. Je nach Gemütsverfassung und Situation hauchte sie Geschichten Leben ein, interpretierte diese jedes Mal neu, ergriff Mal für den einen, Mal für den anderen verstrittenen Verwandten Partei, Mal schickte sie jemanden zur Hölle, dann lobte sie denselben in den Himmel. Jede dieser Versionen durchlebte sie mit solch überzeugender Leidenschaft, dass es geradezu unmöglich wurde &#8211; vor allem für sie selbst &#8211; die Tatsächlichkeit anzuzweifeln. Eine der Geschichten, die ich mehrere Dutzend Mal gehört habe, handelte davon, dass mein Vater in seiner Kindheit so brav gewesen sein soll, dass sie ihn unter der Anweisung, endlich auch mal Unfug, wie die anderen Jungen im Hof zu treiben und sich auch mal die Hosen dreckig zu machen, aus der Wohnung aussperrte. Mein Vater aber soll ruhig vor der Tür gewartet haben, bis sie ihn reinlassen und Geige üben lassen würde. Die ausschmückenden Details wurden immer wieder abgewandelt. Die Teile ihrer Erzählungen mit wörtlicher Rede blieben grundsätzlich keine zwei Mal gleich. So manche Geschichte hätte meine Oma streng genommen gar nicht bezeugen können, da sie nicht dabei gewesen sein kann. Im Lafe der Zeit hat sie ihren Lebensweg, die Ereignisse in ihrem Umfeld, die Geschichte meiner Familie immer wieder neu interpretiert. Meine Oma war eine Frau der großen Gesten. Ihr emotionaler Lautstärkeregeler war immer voll aufgedreht.</p>
<p>Je mehr ich an sie denke, desto klarer wird mir, wie wenig ich sie eigentlich kannte, außerhalb ihrer eigenen widersprüchlichen Erinnerungen, die in meine übergegangen sind.</p>
<p>Knapp ein Viertel ihres Lebens habe ich begleitet. Als das prägendste Viertel &#8211; ihre Kindheit und Jugend &#8211; bereits unüberwindlich unter den unzählichen Möglichkeiten und Auslassungen, in Überschneidungen und Widersprüchen verschüttet war. Meine Oma hatte die Angewohnheit süßes und salziges vermischt aufzubewahren.</p>
<p>Mit der Evakuation vor der deutschen Besatzung aus Kiew kurz vor der Ermordung der Juden in Babij Jar, der Flucht &#8211; gößtenteils zu Fuß -, der harten Lebensbedingungen im und nach dem Krieg teilt sie das grausame Schicksal so vieler, dass sich daraus kaum etwas individuelles &#8211; ihre Persönlichkeit herauslesen lässt. Nur im Leid sind wir alle gleich.</p>
<p>Meine Oma hatte viele einzigartige Eigenschaften. Sie hatte eine immense Vorstellungskraft und ein mitreißendes Temperament. Sie kannte nicht nur schonungsloses Mitgefühl und Fürsorge, sie schaffte sich auch die Ursachen dafür.</p>
<p>Sie hätte eine brilliante Schauspielerin werden können. Meine Oma hatte auch eine besondere Art, sich auszudrücken. Sie war froh, wie eine Lokomotive und schwieg, wie ein Schäfchen. Sie beteuerte immer, dass sie nichts für sich brauche, nur unser Glück wäre ihre Freude. Und Gesundheit.</p>
<p>Alleine, mit wechselnden Lebenspartnern, zog sie zwei Kinder groß. Nach Jahren des Hungers und der Armut, nach Jahrzehnten anspruchsloser Arbeit in einer Fabrik und unermüdlichen Tauschgeschäften auf dem Schwarzmakt erfuhr meine Oma bei der Umsiedlung nach Deutschland aus Dokumenten, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben an einem falschen Tag Geburtstag gefeiert hatte.</p>
<p>Meine Oma hatte zwei Geburtstage und nur einen Tod. Ausgerechnet am 9. Mai, am &#8220;Tag des Sieges&#8221;, hat ihr Herz aufgegeben. Es sind nicht die Worte, die fehlen, es ist alles weitere.</p>
<p>Die Vergangenheit ist die einzige Zeit, die uns bleibt. Immerzu neue Variationen der Erinnerung. Und die Unmöglichkeit, dieser Erinnerung auch nur einen weiteren Moment ihrer Freude hinzuzufügen.</p>
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		<title>austausch</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Sep 2009 07:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
				<category><![CDATA[amerika]]></category>
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		<description><![CDATA[Liebe A, Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit. Schließlich ist knapp ein halbes Jahr &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=13">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe A,</p>
<p>Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.<br />
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.</p>
<p>Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.<br />
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.<br />
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.</p>
<p>Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.<br />
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!<br />
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.</p>
<p>Lebensumstände sind lediglich Symptome.<br />
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.</p>
<p>Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.<br />
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.<br />
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?</p>
<p>Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.<br />
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.<br />
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!</p>
<p>„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“<br />
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.<br />
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.<br />
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.</p>
<p>Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“<br />
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.<br />
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.<br />
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.<br />
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.<br />
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.<br />
Wie kannst du mich trösten?<br />
Und die Überachtmillionenstadt summt.</p>
<p>Immer Deine.</p>
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		<title>verluste</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 08:40:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten. Auf &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=53">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.<br />
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen. </p>
<p>Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.<br />
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.</p>
<p>Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.<br />
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.</p>
<p>Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.</p>
<p>Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.</p>
<p>Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten. </p>
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		<title>ausflug</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Apr 2009 09:59:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan &#8212; des Mannes, der &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=36">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan &#8212; des Mannes, der angeblich das Hot Dog Esswettbewerb erfunden hat &#8212; verbarg sich vor dem Wetter und mangelnder Kundschaft hinter Rollläden, wie die meisten Buden und Häuschen, wenn sie nicht einfach schon vor Jahren zurück gelassen worden waren. Kürzlich sollen japanische Bauunternehmer den Vergnügungspark zum Wiederaufbau aufgekauft haben.</p>
<p>wir gingen die Holzbretter der Strandpromenade entlang und verloren uns im Nebel. Trotz des Windes und des Nieselregens schlenderten uns andere Spaziergänger entgegen, sichtlich gewöhnt an ihren Weg. Im Gegensatz zu den Taschenformaten Manhattans sind die Hunde Brighton Beachs weniger &#8220;zivilisiert&#8221; und brauchen Bewegungsraum. Selbstverständlich fragte ich die vorbei gehende ältere Dame mit ihrer kleinen Straßenkötermischung auf russisch nach dem Weg, wir kamen ins Gespärch und es stellte sich heraus, dass wir aus derselben Stadt kommen. Wir erinnerten uns an gemeinsame Orte und sie zeigte sich interessiert am Leben der Immigranten in Deutschland. Hier, sagte sie, respektiere man sie sowjetischen Immigranten nicht gerade, man sähe sie als zweitklassig an, nähme sie nicht für ganz voll und dulde sie lediglich. Dann wies sie uns die Richtung nach Brighton Beach und riet uns bloß nicht in die entgegen gesetzte zu gehen. Da sei das ganze &#8220;Negerpack&#8221;.<br />
Vor einer Schautafel mit schwarz-weiß Fotos der Coney Island Parade 1937 drückte sie nochmals ihr bedauern darüber aus, dass es heute nicht mehr so aussähe, wie einst. Als schön gekleidete schöne weiße Menschen auf und ab flanierten, und nicht dieses schwarze und lateinamerikanische Gesindel.</p>
<p>Ja.</p>
<p>Unnötig zu sagen, dass diese Frau in der falschen Zeit lebt. Offensichtlich fühlt sie sich bedroht, von Menschen anderer Abstammung. Aber die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Nach und nach erobern sie die Ghettos von einst, breiten sich aus und schrecken nicht von den obskursten Straßen Brooklyns zurück. Geht man heute in Viertel, gezeichnet von einstigen Bandenkriegen, bewaffneten Überfällen und dröhnender Schlachtmusik, trifft man die Gangs hagerer, blasser, verräucherter Individualisten. Die spitzen Schuhe, die alten Nikes, die zerschlissenen Chucks, die Cowboystiefel, die Pantöffelchen, die Röhrenjeans, die Karrottenschnitthosen, die Baggypants, die Leopardenmusterleggins, die Kleidchen und Röckchen der Hipster begegnen uns. Diese Menschen machen Kunst, Musik, Poesie, Tattoos, Klamotten, Möbel. Sie wohnen in kalten Lofts, in feuchten Kellern, in engen Apartments.<br />
Der Zusammenhang, dass auch Höhlenmenschen Kreidezeichnungen hinterlassen haben, lässt sich auch anders interpretierung, als dass diese besonders kreativ gewesen sein mussten. </p>
<p>Durch unbeleuchtete Lastwageneinfahrten, über Fabrikgelände und Plattensiedlungen gehen junge Menschen mit unerschüttertem Glauben an ihre Sonderbarkeit. Sie trotzen einheimischen Kriminellenkreisen, ihren Drogengeschäften und Waffendrohungen, zeigen sich unbeeindruckt von jahrzehntelangen Segregationsbemühungen. Gegen solche Ignoranz jeglicher kultureller Differenzen kommen selbst die härtesten Gängster New Yorks nicht an. Hipster besiedeln Harlem, Williamsburg, Fort Green, Dumbo. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem myspaceadressen um die Ohren fliegen ist hier weitaus höher, als die von Kugeln. </p>
<p>Aus den abgelegendsten Landstrichen Amerikas kriechen sie zusammen, um sich mit gleichgesinnten Nonkonformisten zu organisieren und abzuhängen. Ihre Ablehnung jeglicher Effizienz wird die große Teile der Stadt bald in ein einziges Vokü-Straßenfest verwandelt haben.Trotz aller Kritikfähigkeit merzen sie alternative Lebensweisen in ihrem Umfeld nach und nach aus. Ihre Ansichten dulden keine Akzeptanz.</p>
<p>Andere Immigranten sind schließlich auch nicht toleranter.</p>
<p>Vielleich wird auch bald in Brighton Beach nicht mehr sowjetischer Eklektizismus, sondern Indiemusik ertönen. </p>
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		<title>bent</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Apr 2009 08:55:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
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		<category><![CDATA[new york]]></category>
		<category><![CDATA[theater]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich könnte ein Theaterstück schreiben. Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin. Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir &#8211; zur Situierung &#8211; den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=61">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich könnte ein Theaterstück schreiben.<br />
Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin.<br />
Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir &#8211; zur Situierung &#8211; den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem Hintergrund.<br />
Auf der leeren Bühne würden zwei Haufen Schottersteine liegen.<br />
Dann träten drei Männer auf die Bühne. Zwei davon in Häftlingsanzügen, aus heutiger Sicht gestreiften Pyjamas, und einer in einem langen Mantel und Hakenkreuzband und nach hinten gegelten Haaren.<br />
Es wäre ok, wenn die beiden KZ-Häftlinge durchträniert wären und blondierte Haare hätten &#8211; das verstärkt die Einbindung des Publikums. Einer sollte nur deutlich kleiner sein als der andere. Auf seinem Oberteil wäre ein gelbes Dreieck angenäht. Auf der Brust des anderen wäre der Davidsstern.<br />
Beide würden zum Zentrum der Bühne marschieren und stramm stehen. Der SS-Kommandant würde gleich loslegen &#8211; zur Orientiertung. Wie wir das so aus Vietnamfilmen kennen.<br />
Du, würde er schreien. Ja-wohl-Sir, würde der große zurückbrüllen. Der Kommandant würde ihm befehlen, die Steine von einem zum anderen Haufen zu schleppen, keine Pause zu machen, außer drei Minuten stillstehen, wenn die Sirenen ertönen, den anderen nicht anzuschauen und keinen Unsinn zu machen.<br />
Ja-wohl-Sir, würde der Häftling brüllen. Du, würde der SS-Komandant schreien. Ja-wohl-Sir, würde der kleinere mit den blondierten Haaren krächzen. Dann würde der Kommandant seine Befehle noch einmal wiederholen. </p>
<p>Dann müsste der noch ein paar Mal &#8220;Du&#8221; und die Häftlinge &#8220;Jawohl&#8221; brüllen.<br />
Er würde bekräftigen, dass die beiden beaufsichtigt werden. An die Arbeit, würde er brüllen (die Häftlinge: &#8220;Ja-Sir&#8221;) und von der Bühne gehen. </p>
<p>Die beiden würden jeweils anfangen die Steine von einem Haufen zum anderen zu schleppen und so zu tun, als seien die Schaumstoffrequisiten schwer und hart.<br />
Trotz ausgiebiger Warnungen würden sie natürlich anfangen zu reden.<br />
Der kleine wäre sehr unzufrieden. Er wollte diesen Job gar nicht, denn das einzige Ziel sei es, die beiden verrückt zu machen. Der größere versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es der beste Job sei, den man im KZ kriegen kann. Auch abgesehen davon wäre der kleine auf den großen sauer und nach und nach erfahren wir, dass der große nur so tut als sei er Jude, wobei er &#8211; wie der Kleine &#8211; in Wirklichkeit wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde.<br />
Er wollte diesen Job haben und ihn nicht alleine machen, deswegen hat er sich den kleinen dazuholen lassen. </p>
<p>Sie laufen also hin und her und tun so, als sähen sie sich nicht und unterhalten sich über ihre Baracken, Schlägereien, Selbstmorde, was es morgen zu Essen gibt, was man eben so redet. </p>
<p>Durch ein- und ausschalten der Beleuchtung würde dem Zuschauer deutchlich gemacht, dass die Zeit vergeht.<br />
Nach und nach werden sich die beiden vertrauter. Sie laufen immer noch mit Steinen von Haufen zum Haufen. Dann wird es heiß und die beiden ziehen ihre Hemden aus.<br />
Nun traut sich der Kleine und fragt, ob der andere manchmal &#8220;daran&#8221; denkt.<br />
Dann ertönt die Sirene und sie müssen drei Minuten lang nebeneinander still stehen.<br />
Die Dramaturgie erfordert nun, dass die drei Minutren nicht bloß drei, sondern ruhig gute zehn Minuten in Echtzeit dauern können.<br />
Die beiden Insassen machen sich gegenseitig Komplimente hinsichtlich ihrer Körper, die sie offensichtlich aus den Augenwinkeln erspannen.<br />
Dann machen sie Liebe. Im übertragenen, also versprachlichtem Sinne.<br />
Wie das eben so geht, als KZ-Häftling, auf einer Theaterbühne. </p>
<p>Nun hat sich also die Dramatik vertrieft und der kleine hat sich in den größeren wirklich verliebt.<br />
Er sagt Dinge wie :&#8221;Jetzt weiß ich, sie können mich nicht umbringen, denn ich trage die LIebe zu dir in mir&#8221;,<br />
und der größere muss sagen: &#8220;Nein, du darfst mich nicht lieben, ich bin ein schrecklicher Mensch, ich liebe niemanden&#8221;,<br />
worauf der kleine sagen wird:&#8221;Warum leugnest du das? Wir lieben uns doch!&#8221;,<br />
und der größere wird dann voller Bitternis bekennen, dass alle, die er liebt wegen ihm umkommen.<br />
Und der kleine wird ihm Vorwürfe machen, dass er nicht mutig genug sei, zu seiner Identität zu stehen und sein Dreieck zu tragen, statt des bloßen Davidssterns.<br />
Und er wird in die Menge hineinrufen:&#8221;Was ist daran falsch, dass wir uns lieben?!&#8221;, sodass die Menge plötzlich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und nachdenklich wird. </p>
<p>Selbstverständlich tragen die Liebenden immernoch die Steine von Haufen zu Haufen und die Zeit vergeht, bis der Herbst kommt und der kleinere krank wird.<br />
Obwohl der größere versucht keine Gefühle zu zeigen, ist er besorgt.<br />
&#8220;Du hast abgenommen&#8221;, wird er sagen.<br />
Dann wird er ihm Medikamente und Fisch zum Mittagessen versprechen.<br />
Der kleinere ist nun müde vom KZ und will nach Hause.<br />
Sie sprechen über die Berliner Gesellschaften und Clubs, wo sie früher verkehrt haben. Beide sind gerne an der Spree geschwommen.<br />
Dann kommt der Kommandant und kriegt heraus, dass die beiden sich wohl doch besser kennen, als sie dürften. Zumindest gedanklich.<br />
Und kurz bevor die Zuschauer vor Anspannung platzen, erschießt der SS-Mann den kleineren und der größere muss die Leiche entsorgen. </p>
<p>Alleine gelassen mit dem Toten, nimmt der größere ihn erst einmal auf die Arme, schreit, weint und brüllt:<br />
&#8220;Ich liebe dich doch!&#8221;<br />
und:<br />
&#8220;Was ist daran falsch?&#8221;<br />
ins Publikum, das spätestens jetzt zutiefst erschüttert wird.<br />
Dann lässt er ihn zu Boden sinken und schleift ihn mühselig über die ganze Bühne. Als Abschlusgeste zieht der größere die Jacke des kleineren mit dem goldenen Dreieck auf der Brust an &#8211; als Bekenntnis &#8211; und stürzt sich auf den Drahtzaun.<br />
Der Vorhang fällt.<br />
Das Publikum applaudiert betreten.<br />
Ja, so etwas hätte ich schreiben können.<br />
Tatsächlich wurde so etwas schon geschrieben.<br />
Und das schon in den fünfziger Jahren.<br />
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. </p>
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		<title>revival</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Mar 2009 10:30:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>irina bondas</dc:creator>
				<category><![CDATA[amerika]]></category>
		<category><![CDATA[charakter]]></category>
		<category><![CDATA[new york]]></category>
		<category><![CDATA[queens]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie über jedes Leben mit Massenkultstatus ist auch über das von Josef Stalin wenig bekannt. Wie jede Persönlichkeit seines Außmaßes ist auch Stalin nicht wirklich tot. &#8220;Was geschah in dieser verhängnisvollen Nacht des 1. März 1953 tatsächlich?&#8221;, schreit der russische &#8230; <a href="http://www.kontextrakt.de/wordpress/?p=73">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie über jedes Leben mit Massenkultstatus ist auch über das von Josef Stalin wenig bekannt. Wie jede Persönlichkeit seines Außmaßes ist auch Stalin nicht wirklich tot.</p>
<p>&#8220;Was geschah in dieser verhängnisvollen Nacht des 1. März 1953 tatsächlich?&#8221;, schreit der russische TV-Moderator etwas zu hysterisch, um bei seinen Zuschauern noch Spannung zu erzeugen.</p>
<p>Josef Wissarionowitsch wartet die Fortstzung nach der Werbepause nicht ab, unterbricht das &#8220;Schalom, Liebe Freunde&#8221;-Lied einer Konzertankündigung in Brighton Beach und schaltet auf eine russische Krimiserie.</p>
<p>&#8220;Wirst du auf mich hören?&#8221;, fragt er und richtet mir seinen Massagestuhl ein. Ich soll mich hineinsetzen. Der vorige sei besser, sein Enkel habe ihn kapputt gemacht, wie alles, was er anfasse.</p>
<p>Steif auf dem Sessel sitzend warte ich das Ende des Massageprogramms ab. Josef Wissarionowitsch spät vorgebeugt in den Ferneher hinein und drückt seine Fingerhantel.</p>
<p>Ein schlechter russischer Schauspieler täuscht betrunkene Verruchtheit vor. Wir erfahren: er macht gerade Business. </p>
<p>&#8220;Waren das Drogen?&#8221;, fragt mich Josef Wissarionowitsch. &#8220;Was er sich da in die Tasche gekippt hat. Sah aus wie Drogen.&#8221;</p>
<p>Abgesehen davon, dass ich es ehrlich nicht weiß, schüttle ich vehement den Kopf. Josef Wissarionowitsch ist etwas taub. Trotz voller Lautstärke und des Geräts im Ohr hört er immer diesen Lärm und vertseht schlecht. </p>
<p>Der einstige Schuster ist jetzt Renter. Er würde noch arbeiten, aber nur, wenn man ihn abholt und hinfbringt. Außerhalb von Forest Hills, seines Stadteils in Queens, kennt er sich nicht aus. Wenn sein Enkel am Wochenende zu Besuch kommt, gehen sie zusammen raus &#8211; &#8220;nach Amerika&#8221;, oder &#8220;Schopping-Popping&#8221;.</p>
<p>Jeden morgen werden die Dschugaschwillis zur Altengymnastik abgeholt. &#8220;Kindergarten für Alte&#8221;, grummelt Josef Wissarionowitsch.</p>
<p>&#8220;Kindergarten für Alte&#8221;, blökt seine Frau wenige Tage später in der Küche, während sie sich Sprudelwasser aufkocht. Die kleine, ruhelose Frau mit der Traurigkeit des gesamten weiblichen Geschlechts in den Augen rumort tagelang stöhnend und murmelnd in der Küche, taut Fleischblöcke auf, brät, wischt. Am Freitag früher als sonst &#8212; zum Schabbatessen kommen die Kinder. Wie es sich gehört, ist sie die Hüterin des Hauses.</p>
<p>Sie ist nicht Joseph Wissarionowitschs erste Frau, aber darüber wird nicht geredet.</p>
<p>Die Dschugaschwilis sind vor etwa zehn Jahren mithilfe Verwandter in die USA immigriert. Frau Dschugaschwilli wird ganz wehmütig, wenn sie an ihr altes Haus mit Garten denkt. Ein neues Leben in vertrauter Umgebung. Zu ihrer Hochhaussiedlung führt eine Prachtstraße russischer, kaukasischer &#8212; vor allem koscherer Geschäfte.</p>
<p>Vor wenigen Wochen bin ich zu den Dschugaschwilis gezogen.</p>
<p>Am Abend meines Einzugs betrat ich erstmals das große, surrende und knarzende Wohnzimmer, das in seiner Tiefe zirpenden Kanarienvögeln verbarg. </p>
<p>Wie es sich für jede Familie aus der ehemaligen Sowjetunion gehört, ist das Wohnzimmer mit einer prunkvollen, schwarz lackierten Schrankvitrine ausgestattet. Böden und Wände sind mit Perserteppichen bedeckt. Über dem Tisch hängt ein kollosal italienisch anmutendes Bild: eine Musikergruppe mit Früchten, Karaffen, Mandolinen und einer Magd im Vordergrund, die von einem Trubadour schalkhaft umfasst wird. Oder so. </p>
<p>&#8220;Weißt du wo seine Hand ist?&#8221;, fragt mich der Schwiegersohn am Schabbatabend. &#8220;Nach dem Essen sag&#8217; ich es dir.&#8221; </p>
<p>Ich versuche möglichst höflich Wein, Vodka und Verkupplung mit einem Verwandten abzulehnen. </p>
<p>Die Frauen haben Tee gemacht. Der Jüngste hat Papas Tasse auf seine Hose geleert und quietscht entsetzt zu der russischen Hitparade im Hintergrund. </p>
<p>&#8220;Geschieht ihm recht. Schade, dass nicht mehr drin war&#8221;, sagt das Familienoberhaupt. Er trägt heute die bestickte Kopfbedeckung seines Bergvolkes. </p>
<p>&#8220;Bring ihn weg vom Tisch. Ich hab es satt. immer dasselbe.&#8221; </p>
<p>Der Schwiegersohn versucht seinen Nachwuchs zu vertreidigen. </p>
<p>&#8220;Nicht seine Schuld&#8230;es ist nicht seine Schuld &#8211; der Vater ist schuld.&#8221;</p>
<p>Wenn es ernst wird, wechselt die Familie die Sprache und wird für die Mehrheit der Weltbevölkerung unverständlich.</p>
<p>&#8220;Hier iss. Schäm dich nicht&#8221;, befiehlt er mir und deutet auf den Berg Teigtaschen. </p>
<p>&#8220;Hier iss&#8221;, befiehlt er seiner Frau und deutet auf den Teller vor ihr. Sie weigert sich: &#8220;Das ist Ihrer, Sie haben schon davon gegessen&#8221;, erklärt sie ihm.</p>
<p>Um halb elf haben sich die Nachkommen nach und nach verabschiedet. Der Abwasch ist gemacht, der Geruch unzählicher Schmorgerichte schwebt wie Nachtnebel über dem Dreizimmerapartment 11P. Josef Wissarionowitsch macht sich bettfertig. Zum ausklingendem Fernseher schlüpft er unter die Decke der Wohnzimmercouch, während seine Frau sich in ihrem Zimmer vergräbt. Josef Wissarionowitsch ist milder geworden, in Amerika. Wie auch sein Vodka.</p>
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