Vor kurzem habe ich „autochton“ nachgeschlagen. Es wurde als ein Kriterium für das Zielpublikum eines Theaterstücks über Migranten genannt, neben „erwachsen“ und „weiß“. Kurz darauf hörte ich das Wort in einer – vielleicht der einzigen – alternativen Kneipe in Tbilisi, zum zweiten Mal in meinem Leben.
Vor kurzem war ich in Georgien. Davor war ich hier, wo in Theatern, Feuilletons und Gesprächsrunden, von allen Seiten um Integration und so debattiert wurde.
Etwas stört mich am Hype um die künstlerische Aufarbeitung dieses Themas. Migrantentheater, -literatur, -kunst, oder schon Postmigrantenselbige, auf jeden Fall nicht mehr multikulturell. Etwas entzieht sich mir, wie die Migrationsströme selbst. Wie lässt sich eine Büchse der Pandora öffnen, die ausdrücklich darauf hinweist, keine Schublade zu sein. Die Mechanismen der Erwartung sind komplex. Sie setzt eine Wahrheitssuche voraus, um die sie sich besser als alles andere selbst bringen kann. Alles wird in Formen gegossen, aber das Umfüllen in eine andere bedeutet keine substantielle Veränderung. Eine Form, die im Widerspruch mit sich selbst steht, bleibt trotzdem bestehen.
Es wird eine absichtlich beispiellose Identität konstruiert, die sich selbst verleugnet – mit Erfolg. Die Inquisition und das Märtyrertum hat es bereits gegeben – beides auch zur gleichen Zeit.
Ein kollektives, traumatisiertes Selbstverständnis hat zu einer neuen, gemeinsamen Identitätsstiftung gefunden und die ist – entgegen aller Erwartungen – unverfänglicher, als man glauben mag.
Das Konzept Integrationsdebatte lässt alle Optionen offen. Sowohl die eigene Freisprechung von jeglichen Ressentiments – und damit eine Abkehr von einer historischen Kontinuität, als auch eine Anklage anderer, in dieser Kontinuität zu verharren. Vom betretenen: „Wir waren rassistisch“, über das distanzierte: „die sind rassistisch“ sind wir zum gesellschaftsfähigen: „Wir sind rassistisch“ gekommen und trauen uns nicht zu sagen: Ich bin rassistisch. Ich war, bin und werde es immer sein, egal wie sehr ich durch Selbstzensur und Gesellschaftskritik davon ablenke. Eigentlich hätte hier alles in erster Person Singular stehen müssen, denn es geht doch um nichts anderes, als um mich, immer nur mich alleine: ich, ein Mal, hier.
Und das Argument, man solle andere einfach glauben lassen, was sie wollen, zieht nicht. Alleine die Formulierung negiert sich selbst. Ich glaube doch auch nicht einfach nur, was ich will. So einfach lassen sich nicht Verbindungen herstellen. Kein Kontext ist linear.
Das Spiel, das von Grenzen lebt – und seien es nur fiktive – wird sie nie überschreiten. Man kann in die Hand, die einen füttert beißen – und hat es im Grunde sogar gerne, sei es aus Wunsch nach Erlösung, Masochismus, Wut, oder Hunger – aber man wird den Wirt nicht auslöschen.
Vor kurzem habe ich mit meiner Seele gelächelt. Ich breitete meine Arme langsam auseinander und führte sie wieder langsam zusammen, als der Qi-Gong Lehrer mich kontrollierend, mir den Ratschlag gab, meine Arme – und damit mich – nicht so weit zu öffnen, da ich mich dadurch selbst öffne und verletzlicher mache.
In der Nacht meiner Landung in Tbilisi ist die Prachtstraße der Stadt abgesprerrt. Die Parade für den Tag der Unabhängigkeit wird geprobt. Hunderte junger Männer in Armeeuniform sehen sich selbst zum verwechseln ähnlich. Sie marschieren in durch Lautsprecher angewiesenen Formationen, die Gewehre im Anschlag, im Gleichschritt. Sie bleiben stehen, warten, rufen einander etwas zu, lachen, zertreuen sich und drängen auf die Gehsteige, rauchen, mustern ihre eigenen Beobachter. In wenigen Tagen werden sie zeigen, wie die Bereitschaft aussieht, sein Land zu verteidigen.
Mir wird von einer politischen Kundgebung erzählt, der niemand so recht Glauben schenkt. Politiker werden unter Misstrauen mit Kosenamen besprochen. Dem Patriarchen dafür scheinen alle zu vertrauen. Vor etwa einem Jahr hat er Bier für ein tischwertes Getränk erklärt – nun darf man es auch neben Wein und Schnaps nach ausgiebigen Trinksprüchen exen.
Wir fahren im Taxi über dürftige Straßen, die durch die Steppenlandschaft nahe der Grenze zu Aserbaidschan führt. Der Taxifahrer Temur hat mir versprochen, mich zu fahren, wo immer ich hin will und das günstiger als alle anderen. Er hat sich dabei verrechnet. Früher hat ihm ein Warenhaus auf der Prachtstraße der Hauptstadt gehört. Er nennt mir den Preis, zu dem das Gebäude verkauft wurde. Er sagt, dass Araber die guten georgischen Lämmer aufkaufen. Azeris, Armenier, alle würden hier leben. Die Armenier seien schon gewitzt. Unter den Armeniern leben keine Juden, die würden selbst betrügen, das ginge dann nicht. In den eigenen Korb werfe man keine Bälle. Wie die deutsche Regierung den Bau von Moscheen zulassen könne, fragt er, mit aufrichtiger Verwunderung.
Von unten und von oben habe ich Klöster gesehen, Hölen, Klöster in Hölen, Stufen in Felsen, Mauern auf Felsen und dort Mönche und Nonnen, unter den Felsen, in den Einbuchtungen, ihre schwarze Wäsche, ihre klobigen Handys, ihre großen Autos. In David Gareji, erklärt uns ein Mann, wurden im 16. oder 18. Jahrhundert – er wisse es nicht mehr so genau – eintausend Mönche von den Muselmanen abgemetzelt. Die Wandbilder in den offen stehenden Höhlen erinnern daran. Oben auf dem Berg, über der Steppe, an der Raubvögel entlanggleiten, stehen zwei Soldaten mit Maschinengewehren und bewachen die Grenze.
Ich bin die Altstadt auf und abgelaufen. Ich habe nicht durchschaut, wie es sich mit einem Zentrum verhält, ich habe keinen einzigen Straßennamen gesehen und konnte mir keinen Kirchennamen merken. Ich war auf allen Hügeln und schaute auf die Stadt, die Kamera hat es bezeugt. Auf dem umdichteten Mtazminda, dem heiligen Hügel, die Teenagerpärchen am Wegesrand verschreckend, stand ich über dem Grab von Stalins Mutter, unter der Seilbahn, wo kurz zuvor Jungen um die Wette gespuckt hatten, mit einem zum Wachmann abgestuften Offizier und Schullehrer. Wir schauten auf die Anhäufung von Kanten der Häuser und Spitzen der Kirchen, auf die Berge ringsum, die eine unüberwindbare Ferne andeuteten. Der Anblick hinterließ bei mir nicht den gewünschten Effekt georgischer Dichter. Ich spürte weder sonderliche Erhabenheit, noch Trost. Stattdessen vertröstete ich meine Erwartungen damit, dass die Erhabenheit woanders liegen muss.
Schwer zu verstehen, ich kenne diesen Ort von woanders. Die repräsentativen Gebäude, die kleinen Läden im Keller, mit Kartoffeln, Haushaltswaren und Kühltruhen, deren Inhalt nicht genug friert, die buckligen Frauen mit gerösteten Sonnenblumenkernen und Popcorn, mit Kreuzen und Votivkerzen, die Arbeiter an Fenstern, aus denen Teigtaschen gereicht werden, die Märkte mit Fisch neben Käse neben Früchten neben Gewürzen neben Keksen neben. Das alles ist schon so alt, wie das Land, das es nicht gibt. Es ist mir nicht fremd, aber unbekannt.
Die Älteren sprechen russisch mit mir, gerne. Wie ich hieße, wie alt ich sei, verheiratet, warum nicht. Am dritten Tag bin ich es schon, ich habe nur noch nicht entschieden, mit wem genau. Ich lerne nicht zu warten, bis ich an der Reihe bin, weil es hier genauso unwahrscheinlich ist, wie eine Verkehrsstraße frei von Autos zu überqueren.
Wir Gäste hüten uns nicht davor, Allgemeinaussagen zu treffen und unterstützen uns dabei gegenseitig. Die Georgier sind und die Gesellschaft ist und hier, hören und sagen wir. Gastfreundlich, bestätigen die Georgier und empfangen uns mit weit ausgebreiteten Armen. Der Versuch, es zu beschreiben, ist nur die Verallgemeinerung, von der unser Austausch lebt. Und es ist daneben, obschon wir manchmal glaubem, es träfe zu – und ins Herz. Wie wir annehmen, dass Poesie ins Herz trifft, weil wir lieben.
Wie wir annehmen, dass Gastfreundschaft Verständnis und Verständnis Liebe bedeutet und wie wir annehmen, dass uns das verbindet. Aber in der Fremde lässt sich kein Zuhause finden, weil die Fremde selbst unverortbar ist. Das Eigentümliche ist nicht die Gastfreundschaft und schon gar nicht die Lebenseinstellung. Weil Gäste immer fremd bleiben und Offenheit nicht davon abhängt, wie weit man seine Arme öffnet. Weil das Weil – die Begründung – immer knapp daneben liegt.
Wir haben eine gemeinsame Sprache. Unter anderen. Und ich spüre, dass sie nicht ausreicht, um meine Gesprächspartner zu verstehen.
Es bleibt etwas ungesagt, oder wird sogar verschwiegen, als würde man hier ein Geheimnis hüten, das verraten Landesverrat wäre, an Jahrhunderten von Glauben, vielleicht den Glauben selbst, oder wie dieser geht. Dieser Glauben muss nicht nur nicht, er will nicht verstanden werden. Nicht, was gesehen wird finde ich hier, sondern wie es gesehen werden möchte. Und das Gesagte klingt, wie es gehört werden will. Schlecht nur, wenn man es gewohnt ist, seinen Ohren nicht trauen zu können.
Ich habe mir vorgenommen, aufzuhören über Grenzen nachzudenken. Dafür muss ich aufhören, verstehen zu wollen. Und zum ersten Mal bewusst – nachdem mir das von den Älteren hier so häufig gesagt wurde und anstatt, wie sonst, dieses monströse Konstrukt zu bedauern – bedauere ich ein bisschen, dass wir nicht mehr in einem Land leben.
Vor kurzem war ich in Georgien. Ich bin wieder nicht zurück gekommen.